Macht Ohne Herrschaft – revisited

Ich hatte sie schon mal ganz für mich alleine, die Macht, das ist aber schon lange her. Ich ging damals in die zweite Klasse, in die Grundschule, in einem kleinen schnuckeligen Schwarzwalddorf, in meiner alten Heimat. Es war in den Siebzigern, wir waren 35 Schüler in der Klasse, und unsere Klassenlehrerin war zumindest meine Königin. Hildegard hieß sie mit Vornamen, und für mich war sie in der Schule das Zentrum meiner Begierde, ich wollte Ihr unbedingt gefallen; natürlich war sie viel zu alt für mich (aus heutiger Sicht schätze ich, sie war vielleicht fünfundzwanzig, frisch von der Uni) und sie hatte auch schon graue Haare, aber sie wusste so viel, war streng, aber nicht zu streng, und legte wie meine Mutter Wert auf schulische Leistung, damit kannte ich mich also aus, und es war leicht, Ihr zu gefallen. Ich war der Klassenbeste, sogar im Schönschreiben hatte ich immer meine eins; nur im Aufsatz haperte es, da war ich nicht wirklich frei, da gab es meistens nur eine eins-bis-zwei, öfter mal auch nur eine zwei, einmal sogar eine zwei-bis-drei, da hatte mich Hildegard plötzlich gar nicht lieb! Edmund Wellenmann hatte eine eins-bis-zwei bei diesem Thema, und tobte durch die Klasse und war ganz aus dem Häuschen, dass er mich geschlagen hatte. Aber in der Regel hatte ich die Situation im Griff, das mit der Schule war ein Heimspiel.

Und all das bei meiner Herkunft. Als Arbeiterbauernkind hatte ich es in der Dorfhierarchie schon damals ganz schön weit gebracht. Meine Vorfahren  waren nämlich alle Tagelöhner und Bauern, zumindest väterlicherseits, mein Papa aber war schon Arbeiter, und hat es später in der Fabrik ganz schön weit gebracht, ins Büro, da hat er super komplizierte Maschinen konstruiert, die dann Tag und Nacht liefen und schöne Stoffe produzierten, das hat ihm viel Spaß gemacht.  Bei dieser bescheidenen Herkunft konnte man nicht erwarten, dass ich, neben den Söhnen und Töchtern der Fabrikantendynastie, neben dem Nachwuchs der leitenden Angestellten, neben den jungen Hoffnungen der Kleinunternehmer im Dorf und neben den Nachkömmlingen der Großbauern, in der Schule so durchstarten würde. Damals war aber noch eine gute Zeit für Kinder der Unterschicht, zumindest besser als heute.

Die totale Macht erlangte ich dann durch die von der Klasse verlangten und von Hildegard zumindest geduldeten Wahlen zum Klassensprecher, es brodelte wohl im Volk und man verlangte nach Repräsentation, um die strenge Lehrerin besser in den Griff bekommen zu können, zu viele Hausaufgaben, zu wenig Spaß, immer still sitzen, blöde Matheaufgaben, immer die gleichen Worte tausend Mal auf einem Blatt Papier niederschreiben, so ging es nicht weiter. Wir hatten damals bestimmt nicht so eine saubere Wahlordnung wie in der Partei DIE LINKE, wenn ich mich richtig entsinne wurde aber geheim gewählt, und die Kandidaten wurden zuvor per Akklamation aus der Mitte des Volkes bestimmt. Als Klassenbester wurde auch ich von einigen Mädchen nominiert, und dann wurde gewählt. Es war ein beeindruckender Erfolg; 24 von 35 Stimmen, die anderen zwei oder drei Kandidaten hatten keine Chance. Die Intelligenz hatte sich durchgesetzt. Ich hatte die Macht, aber ich wollte nicht herrschen, ich wusste auch nicht genau, wie das gehen sollte. Also bedankte ich mich für das Vertrauen, versprach ein guter Klassensprecher zu sein, und ging wieder zum schulischen Alltag über. Ich fand den Unterricht ja spannend, ich hing an Hildegards Lippen und saugte alles auf, mit Ihr wollte ich mich schon gar nicht anlegen. Ich weiß nicht mehr, ob meine Wähler*innen mich danach bedrängten, mein Amt als Sprecher Ihrer Anliegen entsprechend auszufüllen; ich erinnere mich nicht mehr, wahrscheinlich hatte der eine oder die andere schon mal was gesagt, ich glaube die Anliegen des unterdrückten Volkes waren mir einfach fremd und ich fand sie kindisch, waren sie ja auch. Bei mir lief alles wie am Schnürchen, und ich wollte meine Gymnasialempfehlung bestimmt auch nicht gefährden, darüber entschied nämlich auch Hildegard, das wusste ich damals schon.

Einige Zeit später, im Pausenhof, sah ich wie Hubsi Maier, der Sohn des ortsansässigen Fleischermeisters und einer meiner Gegenkandidaten bei der Wahl zum Klassensprecher, mit anderen Mitschülern in einer Gebäudeecke kauerte und auf einem Stück Papier Namen notierte. Als ich auf die Gruppe zuging, liefen sie auseinander. Ein paar Tage später platzte die Bombe, ein Abwahlantrag wurde an Hildegard herangetragen, während des Matheunterrichts, meinem Lieblingsfach; das Volk, oder zumindest eine größere Gruppe davon, wollte mich nicht mehr als Klassensprecher. Was für eine Demütigung. Die Liste mit den Namen wurde Hildegard überreicht. Hildegard reagierte souverän, sie erklärte, dass dann darüber abgestimmt werden müsse, und es eine Rede aus der Mitte der Aufrührer für meine Abwahl und eine Verteidigungsrede von mir geben würde, also los. Ich weiß nicht mehr ob Hubsi Maier die Rede für meine Abwahl hielt, der Vorwurf aber war eindeutig, absolute Untätigkeit meinerseits! Ich  arbeitete während der Rede in meinem Kopf schon fieberhaft an meiner Verteidigung. Dann war ich an der Reihe. Ich stand ebenfalls vor der Klasse auf, durfte neben Hildegards Pult treten und konnte nun versuchen, mein Volk und Ihre Untertanen zu überzeugen, mich als Klassensprecher zu behalten. Meine Knie schlackerten, und mein Puls raste. Den Vorwurf der Untätigkeit versuchte ich dadurch zu entkräften, indem ich meinem Volk vorhielt, dass aus ihren Reihen, zumindest meiner Wahrnehmung nach, nie eine Beschwerde an mein Ohr gedrungen wäre. Jeder hätte immer zu mir kommen können, ich hätte immer ein offenes Ohr für alle, und würde das in Zukunft auch immer für alle haben und dann dementsprechend handeln und so weiter.

Dann die geheime Wahl; oder war sie doch per Handzeichen? Die Zahl hat sich aber in meinen Kopf eingebrannt. 19 für mich; nicht mehr 24, aber 19 für mich, und 19 von 35, das wusste ich sofort, das reichte immer noch dicke, mit der Mathematik war ich ja per du. Was für eine Erleichterung. Es gab also fünf echte Gegner, die meinen politischen Tod wollten, und die hatten sich verspekuliert.

Danach, im nächsten Schuljahr, und all die Jahre später in meinem Leben bin ich nie wieder zu einer Wahl als Kandidat angetreten, mutierte zwischenzeitlich zum Streber und habe mich auf meine Noten, die Uni, die Promotion, die Arbeit und den Rest des Lebens konzentriert, Frauen waren dann  nach dem Abi auch ein weiteres wichtiges Thema.

Erst vor ungefähr zwei Jahren habe ich mich dazu durchgerungen, bei einer popeligen Wahl in meiner Basisorganisation (BO) als Kandidat für ein Delegiertenmandat zur Hauptversammlung anzutreten; dabei habe ich sogar einen lieben Genossen ermuntert, ebenfalls anzutreten, und das ganze sportlich zu sehen; doof war dann nur, dass er viel weniger Stimmen als ich bekam; ob das alleine den Ausschlag für seinen Rückzug aus der BO und den späteren Austritt aus der Partei war, ich hoffe es nicht. Seitdem bin ich eigentlich wieder geheilt von dieser Art von Demokratie.

Und im Übrigen bin ich der Meinung, dass wir viel mehr freie Schulen brauchen, und der ganze Notenquatsch echt für den Arsch ist; mir hat das zwar nicht geschadet, aber ich hab halt auch viel Glück im Leben gehabt.

Professor Mühsam

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One Comment on “Macht Ohne Herrschaft – revisited”

  1. Hallo und Danke für diesen persönlichen Beitrag (ich bin selbst ein Bauernkind, mit Stiefmutter als Ex-Grundschullehrerin). Zum Thema Klasismus gibt es den Blog http://klassismus.blogspot.de/, der wird zwar anscheinend nicht mehr wirklich gepflegt, aber von dort aus sind weitere Blogs, zum beispiel http://clararosa.blogsport.de/ oder auch http://dishwasher.blogsport.de/ erreichbar.


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