Das Einfache, das schwer zu machen ist (Rezension)

cover_kommunismusDer Kommunismus „[…] ist vernünftig, jeder versteht ihn. Er ist leicht, / Du bist doch kein Ausbeuter, du kannst ihn begreifen. / […] Die Dummköpfe nennen ihn dumm, und die Schmutzigen nennen ihn schmutzig. / Er ist gegen den Schmutz und gegen die Dummheit.“ Mit diesen Worten verteidigt Pelagea Wlassowa, die Mutter aus dem gleichnamigen Theaterstück von Bert Brecht, den Kommunismus gegen den Vorwurf der Herrschenden, er sei ein Verbrechen. Angesichts der historischen Erfahrungen in den von kommunistischen Parteien regierten Ländern Osteuropas hat die Gewissheit, der Kommunismus sei gegen Schmutz, Dummheit und Verbrechen bei vielen Menschen arg gelitten. Gleichzeitig bleibt die im Manifest der Kommunistischen Partei formulierte Vision von der Gesellschaft, in der die „[…] freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“ aller Wahrscheinlichkeit nach die letztlich unhintergehbare Kategorie emanzipatorischer Politik. Für neue Perspektiven linken Handelns bedarf es daher der ehrlichen Auseinandersetzung mit den historischen Erfahrungen der sozialistischen und kommunistischen Bewegung wie mit der Realität der sich sozialistisch nennenden Staaten.

Möglich, dass die Frage „Was tun mit Kommunismus?“ auf diesem Weg ein notwendiger erster Schritt ist. Auf alle Fälle bildete sie im Herbst 2011 den Ausgangspunkt für eine Veranstaltungsreihe in Berlin, in deren Rahmen Linke aus unterschiedlichen Zusammenhängen über ihre Sicht auf die geschichtlichen Siege und Niederlagen der Karl Marx folgenden Bewegungen und über die daraus zu ziehenden Lehren diskutierten. Schon die Tatsache, dass es die Plattform für eine solche Debatte gab, ist unter den gegebenen Bedingungen des Lobes wert. Dass die Beiträge der Veranstaltungen nun sogar in Buchform vorliegen und damit einem breiteren Publikum zugänglich sind, ist wertvoll.

Wie die Veranstaltungsreihe, so gliedert sich auch das vorliegende Buch in drei Teile, die sich jeweils einer Leitfrage widmen. Sie lauten:

–        „Wie war und ist das Verhältnis der Linken zum ‚Realsozialismus‘?“

–        „Wie sozialistisch war der ‚real-existierende Sozialismus‘?!“

–        „Raus aus dem Kapitalismus – aber wohin?“

Fast notwendig greifen die AutorInnen des ersten Teils zur Beantwortung der ihnen gestellten Frage auf ihre politischen Biographien und ihre eigenen – historisch gewachsenen – Sichten auf die kommunistisch regierten Länder Osteuropas zurück. An dieser Stelle treffen besonders deutlich die unterschiedlichen Erfahrungshorizonte aufeinander, die sich sowohl durch die geographische Herkunft als auch durch das Lebensalter der AutorInnen unterscheiden. So kann etwa Bini Adamczak für sich reklamieren, dass ihre Auseinandersetzung mit der DDR oder der Sowjetunion erst nach deren Ende begann, während gerade die Einbindung in die Strukturen der DDR und ihre Reflektion einen wichtigen Bestandteil des Beitrages von Monika Runge darstellt, die mit dem Blick auf die von ihr erlebten Widersprüche innerhalb der DDR begreifbar macht, entlang welcher Bruchlinien sie vom überzeugten SED-Mitglied zur dezidierten Kritikerin der Herrschaftsmethoden der Partei wurde, deren Mitglied sie indes bis zu deren Ende blieb. Daneben stehen in diesem Teil interessante Einblicke in die Arbeit der linken Opposition in der DDR und die „Thesen zum langen Schatten des Stalinismus“ von Christoph Jünke, in denen der Autor das Konzept einer radikalen Demokratie als unerlässliche Voraussetzung einer sozialistischen Umgestaltung gegen jeglichen Versuch der Überwindung des Kapitalismus auf dem Wege des Zwangs stark macht.

Im Zentrum des zweiten Teil des Buches stehen Aufsätze, in denen die AutorInnen um eine Analyse der Gesellschaftsordnung der Länder des so genannten real existierenden Sozialismus ringen. Einigkeit besteht dabei darin, dass diese Staaten in erster Linie an den eigenen Schwächen gescheitert sind. Dissens entsteht jedoch bereits bei der Benennung der beschriebenen Staatswesen. So verwirft etwa Anne Seeck in ihrem Beitrag die gesamten Erfahrungen aus vierzig Jahren DDR, weil diese mit ihrer allgegenwärtigen Erziehungsdiktatur das Leben aller BürgerInnen standardisiert und so Emanzipation verunmöglicht habe. Dagegen führt Helmut Bock, der die Kritik an der DDR durchaus teilt, an, dass in der Massenpartei SED „[…] beständig die Ideale sozialistischer Emanzipation, Einsatzbereitschaft, Gemeinsamkeit, weltweiter Solidarität mit sozial-revolutionären Befreiungsbewegungen […]“ lebten. „Das Ideengut von Marx, Engels und anderen sozialistischen Vordenkern […]“ sei – so Helmut Bock weiter „[…] keineswegs abgetan oder gänzlich vergessen. Aber der Anspruch der Parteispitze und des Apparats, die Millionen von Mitgliedern durch strenge Beschlüsse und ideologische Schulung zu leiten, behinderte das Hervorbringen und die Diskussion neuer gesellschaftspolitischer Theorien, bewirkte vielmehr eine geistige Beschränkung und Uniformierung.“ (S. 150)

Im dritten Teil des Buches geht es schließlich um die Frage, welche Perspektiven sich für eine antikapitalistische Linke aus den historischen Erfahrungen ergeben. Die dabei vertretenen Positionen reichen von der Forderung, auf den Begriff des Kommunismus zukünftig gänzlich zu verzichten, da er durch die Ereignisse des 20. Jahrhunderts diskreditiert sei, bis zur Verteidigung einer sozialistischen Planwirtschaft als Grundlage einer menschlichen Entwicklung der Gesellschaft. Unumstritten ist in allen Beiträgen in diesem Abschnitt die Überzeugung der AutorInnen, dass der Kapitalismus als inhumane Gesellschaftsordnung nicht das Ende der Geschichte darstellen kann und darf. In fast allen Stellungnahmen bleibt dabei jedoch unklar, wer die TrägerInnen der künftigen Umwälzung sein sollen. Die Hoffnungen der AutorInnen beziehen sich mehrheitlich auf den Ansatz von Graswurzelbewegungen, die relativ unverbunden das Leben in ihrem direkten Umfeld verändern und dabei die Herausbildung von hierarchischen Strukturen verhindern. So wünschenswert eine solche Perspektive ist, so wenig greifbar ist sie bei der Gestaltung einer konkreten Strategie. Aus dieser Unklarheit erwachsen dann Stellungnahmen wie die von Ralf Landmesser: „Es geht also darum, Krieg zu beenden und zu verhindern – by any means neccessary […]. Das gilt auch für den sog. ‚Klassenkrieg‘.“ (S. 196) Ein wichtiges Ziel. Im Wissen um die Entschlossenheit des Gegners und um die Opfer der Konterrevolutionen beispielsweise in Chile oder Nicaragua läuft eine solche Haltung, ohne das Aufzeigen eines gangbaren Weges, jedoch fast zwangsläufig auf die Kapitulation vor dem Kapitalismus und nicht auf seine Überwindung hinaus.

Das hier zu besprechende Buch dokumentiert mit der Sammlung der in ihm veröffentlichten Auffassungen den aktuellen Stand der antikapitalistischen Debatte in Deutschland. Es schafft damit einen notwendigen Ausgangspunkt für die weitere Debatte. Gleichzeitig belegt es aber auch die Richtigkeit der vom marxistischen Ökonomen Jürgen Kuczynski vertretenen Überzeugung, dass es nach den Veränderungen, die die Welt in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hat, wieder nötig sei, sie zu interpretieren – auch und gerade um sie dann gründlich verändern zu können. Es ist dies die Stelle, an der die antikapitalistische Linke wieder zur Einsicht der Revolutionärin Pelagea Wlassowa zurückkehren kann, dass der Kommunismus – als Gesellschaftsordnung, die den Schmutz und die Dummheit überwinden wird – im wahrsten Wortsinn notwendig ist. Aber auch, dass er das Einfache (weil gerecht und vernünftig) ist, das schwer zu machen ist.

Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (Hg.): Was tun mit Kommunismus?! Kapitalismus, „real existierender Sozialismus“, konkrete Utopien heute. Unrast-Verlag, Münster 2013, 388 S. 18,- €, ISBN 978-3-89771-526-4

Die Rezension verfasste Florian Grams (Hannover). Geboren 1974 in Hildesheim, 1994 bis 2002 Studium der Geschichte und Germanistik. Doktorand bei Prof. Dr. Hartmut Griese an der Leibniz-Universität Hannover mit einer Arbeit zu „Edwin Hoernle – Zur Dialektik von biographischen Brüchen und bildungstheoretischen (Ver-) Wandlungen“. Arbeitsschwerpunkte: Geschichte der Pädagogik, Geschichte der Arbeiterbewegung und Geschichte der Eugenik. Er ist zurzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter von Agnes Alpers, MdB.

Advertisements

One Comment on “Das Einfache, das schwer zu machen ist (Rezension)”

  1. taksim sagt:

    Der im Buch enthaltene Artikel „Was tun mit Kommunismus? Mitkämpfen! Die Chancen der sozialen Weltrevolution in der Krise der Innovationsoffensive“ von Detlef Hartmann ist online, unter: http://www.materialien.org/texte/hartmann/Hartmann_2013_Kommunismus.html


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s