Depression und Kapitalismus

Der Staat hat Repression heute kaum noch nötig, da die herrschende soziale Ordnung auf einem weit verbreiteten gesellschaftlichen Konsens beruht, der sich vielleicht nicht allerorten aus begeisterter Zustimmung speist, in der gängigen Meinung, das Bestehende sei nun einmal nicht zu ändern, jedoch seinen stärksten Verbündeten findet. Hartz IV, Unterbeschäftigung, Working Poor und Arbeitslosigkeit sind weit verbreitete Phänomene und führen in Deutschland zu einer Armutsquote von über 15 Prozent (Destatstis, 2012). Doch hat sich die Gestalt von Armut im Zuge der Entwicklung der westlichen Länder wesentlich verändert, führt heute vor allem zu sozialem Ausschluss und geht nicht mehr mit einer unmittelbaren Gefährdung des Lebens einher.
Vor diesem Hintergrund bewegt sich auch die weit verbreitete Diskussion um psychische Erkrankung, an deren Spitze die Diskussion über die Verbreitung von Depressionen steht. Der dahinter stehende Gedanke lässt sich leicht zusammenfassen: Durch die immense Entwicklung der Wirtschaft ist es der modernen westlichen Gesellschaft gelungen, nahezu alle existentiellen Probleme zu überwinden und sich als stabiles politisches System zu etablieren, doch hat dies einen hohen Preis gefordert. Der heutige Mensch ist praktisch immer bei der Arbeit, stets gehetzt, rund um die Uhr erreichbar und dadurch einem immensen Leistungsdruck ausgesetzt. Das Resultat liegt auf der Hand: Viele halten den Druck nicht aus und werden psychisch krank – vor allem depressiv. Die Zahlen scheinen diese Diagnose zu untermauern. Knapp über acht Prozent der Bevölkerung leiden unter Depressionen, hinzu kommen gut vier Prozent mit diagnostiziertem Burnout-Syndrom, die Zahlen sind steigend und werden die Armutsquote mit einiger Wahrscheinlichkeit bald überflügeln (Kurth, 2012, 987). Es ist nicht verwunderlich, wenn die Verbreitung psychischer Erkrankung mittlerweile der Dreh-und Angelpunkt jeder Diskussion ist, in der nach den grundlegenden Problemen des heutigen Kapitalismus gefragt wird. In Abwesenheit lebensbedrohlicher Repression und Ausbeutung geht von der Depression ein Schauer aus, der einerseits das dumpfe Unbehagen vieler Menschen in der Gesellschaft erklärt und andererseits geeignet scheint, die von ihr ausgehende Bedrohung greifbar zu machen.

Der komplette, von Lars Distelhorst verfasste und zuerst in streifzüge, Nr. 58, (Sommer 2013) erschienene Text ist als  PDF hier verfügbar. Wir danken für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.

Hinweis: Die Linksfraktion veranstaltete am 13. Mai 2013 eine Anhörung zum Thema „Stress und psychische Gesundheit am Arbeitsplatz“ (mehr).

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