Sind „Kooperation, Gleichheit, Planung“ als Prinzipien einer ökologischen Gesellschaft auch eine attraktive Story?

Befreit Rotes Grün? Rezension von Ulrich Schachtschneider zu dem Buch „Rotes Grün. Pioniere und Prinzipien einer ökologischen Gesellschaft“ von Hans Thie (Hamburg 2013)

green_carBegrünter Kapitalismus reicht nicht, auch nicht die Hoffnung auf individuelle Moral. Sattes Grün ohne Wachstumszwang wird es nicht geben ohne rote Gerechtigkeit. Die ökologische Krise bringt die ursozialistische Idee gleicher ökonomischer Rechte, in Form des gleichen „ökologischen Fußabdrucks“ für alle Bewohner des Planeten mit neuer Macht ins Spiel. Das ist die implizite Botschaft, die verdeckte Dynamik, der Fluchtpunkt der ökologischen Debatte, der in den inzwischen unübersichtlich vielen Studien, Wortmeldungen, Konzepten nur selten so benannt wird.
Diesen inneren Rot-Grün-Zusammenhang macht Hans Thie hingegen explizit zum Ausgangspunkt. In „Rotes Grün. Prinzipien und Pioniere einer ökologischen Gesellschaft“ präsentiert er die konkrete Utopie einer „grünen und gerechten Wirtschaft“, deren zentrale Ansätze schon im Hier und Jetzt zu sehen seien: „Kooperation, Gleichheit und Planung sind im Begriff, neue Leitprinzipien zu werden“ (8). Es gehe dabei nicht um Zentralverwaltungswirtschaft, sondern die „Planung der Bedingungen, die Kooperationen unter Gleichen ermöglichen“. Ein solches Verständnis von Planung als „bewusstes Herstellen ökologischer Lebensmöglichkeiten für alle“ könne „Märkte und Unternehmen in vielfältigster Form einschließen“ (15).

In seinem Modell einer gemischten Wirtschaft erscheine vieles wie heute, habe aber „aufgrund weitgehend verwirklichter Gleichheit“ eine ganz andere Bedeutung (151). Alles „Elementare“, d.h. Gesundheit, Bildung, Kultur, Wasser, Entsorgung, Verkehr, Energiegrundstrukturen, Finanzsystem etc. wird gemeinwirtschaftlich nach dem Prinzip der Bedarfsdeckung sichergestellt. Daneben gibt es die Sphäre des Marktes mit freien Unternehmen, die „Produzenten der Dinge“ und ihre Dienstleister. Deren handlungsleitendes Prinzip heißt nicht mehr „Verwertung des Kapitals“, sondern „Einkommenssicherung“, denn die Mitarbeiter sind Eigentümer. Diese Unternehmen sind daher keinen äußeren Wachstumszwängen unterworfen: „Stabile Reproduktion gilt als akzeptables Ergebnis“. Als dritte Sphäre benennt Thie die „geistige Produktion“ mit frei zugänglichen Arbeitsergebnissen. Ihr Prinzip ist nicht Bedarfsdeckung oder Einkommenssicherung, sondern Anerkennung. Wie kommt nun in diese gemischte Wirtschaft ökologische Planung und ökonomische Gleichheit? Sie werden garantiert über Verfassungsgrundsätze, die in einem quasi-revolutionärem Akt per Volksabstimmung festgeschrieben werden: Die Begrenzung von Einkommens- und Vermögensunterschieden, die Abschaffung der Arbeitslosigkeit (als Anspruch auf eine bezahlte Tätigkeit) sowie die Ausschüttung von Unternehmensgewinnen zu mindestens 50% an die Belegschaften. Preise für Energie und Ressourcen dürfen steigen unter der Voraussetzung „nur noch geringer Unterschiede“ bei Einkommen und Vermögen, „Bereiche großer Ressourcenverschwendung sind mittels verbindlicher Zielvorgaben“ umzubauen. (149)

Thie vermeidet damit eine Falle linker Alternativen: Gegensätze wie Markt-Kooperation oder Produzent-Konsument sollen häufig gleich komplett aufgehoben werden. Dann blieben zwei Sackgassen, die Vereinigung alles Getrennten im Staat oder die vollständige Autarkie. Vielmehr sei die Frage der Aufhebung der Trennungen differenziert, „auf der Höhe der Zeit“ zu stellen: „Welche organisatorischen Erfahrungen liegen vor? Welche realen Trends gibt es bereits?“ Und welche Trennungen bleiben produktiv oder harmlos? Thie warnt zu Recht vor der naiv-linken Vorstellung direkter Vergesellschaftung als generelle Antwort auf Entfremdung: „Gemeinschaft und Gesellschaft, Lebenswelt und Systemwelt – die Differenz beider Welten aufheben zu wollen, ist nicht nur unrealistisch, sie ist auch nicht wünschenswert“ (62). Sozialismus sei nicht Abschaffung, sondern Gestaltung dieser Differenz. Das Reich der Notwendigkeit sei „nicht nur“, aber „in erheblichem Umfang“ systemisch zu organisieren, und zwar im Interesse individueller Freiheit.

Thie_Rotes-GruenEin wichtiger Gedanke für eine emanzipatorische sozial-ökologische Alternative. Direkte Partizipation ist sehr zeitaufwendig, verbraucht damit eines unserer höchsten Güter für eine freiheitliche Lebensgestaltung. Sie kann nicht das attraktive Prinzip eines authentischeren, ökologisch verantwortlichen Lebens sein. Mit seinem Konzept der starken sozial-ökologischen Rahmensetzung für souveräne Kommunen, marktorientierte Unternehmen und freie Wissensproduzenten hebt sich Thie wohltuend ab von vielen linken Alternativvisionen, die in einem „localistic turn“ die frühgrüne und frührote Idee direkter Vergesellschaftung als Fluchtpunkt demokratisch-emanzipatorischer Alternativen denken.

Gleichwohl fehlt in Thies klug abgeleiteter Realutopie die Darlegung und institutionelle Einbindung einer persönlichen Befreiungsperspektive, die der Transformationsidee die entscheidende politisch-emotionale Schubkraft verleihen könnte. Viele Menschen leiden zunehmend darunter, dass sie trotz formaler Freiheit von einengenden ethischen Normen ihren eigenen Lebensplan kaum realisieren können. Sie hecheln immer schneller wechselnden multiplen Anforderungen an eine gelungene Performance in Beruf, Kultur, Beziehungen, Ästhetik etc. hinterher, ohne jeweils Land sehen zu können: „Slipping slopes“ (rutschende Abhänge) nennt der Jenaer Soziologe und Theoretiker der Beschleunigungsgesellschaft Hartmut Rosa dieses Phänomen, das jedem von uns – ob als Kurierfahrer, Vater, Liebender, Öko-Manager oder Wissensproduzent – aus seinem Alltag leidlich bekannt sein dürfte.

Hier müsste eine Befreiungsperspektive ansetzen, etwa mit der Parole: Zeitwohlstand! Wie wunderbar passte das zum ökologisch-sozialen Gebot der Mäßigung! „Befreiung vom Überfluss“ nennt Niko Paech sein Programm zum partiellen Ausstieg aus den Zwängen der Erwerbsarbeit und des Konsums. Was in Paechs individualistisch orientierender Bibel der Postwachstumsökonomie freilich fehlt, ist der alternative gesellschaftliche Rahmen, der diese Befreiung für alle, jenseits kleiner Avantgarden und Bessergestellter ermöglicht. Thie hingegen ist ein umgekehrter Paech. Er leitet eine Struktur gerechter und ökologischer Gesellschaft ab, ohne die individuelle Befreiungsperspektive in seine Leitsätze hineinzubringen. Es ist schwer vorstellbar, dass sich massenweise Menschen von der Parole „Kooperation, Gleichheit, Planung“ zum Engagement oder auch nur zur politischen Unterstützung begeistern lassen. Erst mit einer Synthese individueller und struktureller Befreiung wird sich „Rotes Grün“ zu einer Alternative zum anstrengenden und entfremdeten Weiterarbeiten im „Green New Deal“ entwickeln können: Zu einer attraktiven Story.

Das besprochene Buch ist hier als PDF erhältlich. Im Buchhandel: 176 Seiten | 2013 | EUR 16.80
ISBN 978-3-89965-552-0 | VSA_Verlag, Juni 2013
Ulrich Schachtschneider, Dipl.-Ing. Dr. rer.pol, Oldenburg (Freier Sozialwissenschaftler, Autor und Energieberater, beschäftigt sich mit Nachhaltigkeitskonzepten und sozialer Umweltpolitik). Aktuelle Veröffentlichung (zusammen mit Frank Adler): Green New Deal, Suffizienz oder Ökosozialismus? Konzepte für gesellschaftliche Wege aus der Ökokrise. München 2010
http://www.ulrich-schachtschneider.de

Eine Fassung dieser Rezension erschien im ND vom 16. September 2013, eine weitere wird in der OKtoberausgabe von CONTRASTE, der Monatszeitung für Selbstorganisation, erscheinen.

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