Interview: Allianzen statt Anti-Politik. Anarchismus – unbedingt ein linkes Projekt

Philippe Kellermann interviewt Oskar Lubin, u.a. zu dessen Buch „Triple A – Anarchismus, Aktivismus, Allianzen.“ (Münster 2013).

Philippe Kellermann: In deinem Büchlein Triple A bemühst du dich um eine Erneuerung anarchistischer Theorie. Könntest du kurz den Ausgangspunkt deiner Ausführungen erläutern?

Oskar Lubin: Es gibt im Grunde zwei Ausgangspunkte, die miteinander verbunden sind: Zum einen scheint mir die radikale Verknüpfung von sozialer Gerechtigkeit oder Gleichheit und individueller Freiheit im Anarchismus als äußerst sympathische und diskussionswürdige linke Perspektive. Zum anderen bieten gegenwärtige anarchistische Ansätze in Theorie wie in außertheoretischer Praxis meines Erachtens ein eher ernüchterndes Bild. Vom Menschenbild über Differenz- und Minderheitenfragen bis zu den politischen Strategien insgesamt schienen mir da einige Revisionen fällig. Immer, wenn es um Erneuerung geht, hält man ja etwas für alt bzw. für nicht mehr ganz zeitgemäß. Deshalb das „Upgrading“ als Anspruch im Untertitel.

Es geht mir also nicht um eine Abrechnung. Ich bin da nach wie vor wohl gesonnen und wollte auch nicht in der alten Auseinandersetzung zwischen Marxismus und Anarchismus falsche Vorurteile aufwärmen. Aber als Reaktion gegenüber der Ausgrenzung des Anarchismus in so mancher linken Theoriegeschichte zitiere ich beispielsweise nur anarchistische Texte oder solche, in denen Anarchismus explizit erwähnt ist.

Dir geht es ja nicht nur um eine Erneuerung anarchistischer Theorie, sondern auch um ein praktisches Anliegen, um die Fähigkeit zur gesellschaftlichen Intervention. Wie beurteilst du in dieser Hinsicht die anarchistische Bewegung derzeit?

Oskar Lubin: Gibt es denn eine anarchistische Bewegung? Sicherlich gab es gerade in den letzten Jahren eine Vielzahl von emanzipatorischen Bewegungen, die horizontal organisiert waren, parteiförmige Organisierung abgelehnt und sich sogar hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse einigermaßen sensibel gezeigt haben: So viel libertären Esprit und so viel anarchistisch inspirierte Praxis gab es wahrscheinlich schon lange nicht mehr. Und dennoch fällt mein Urteil eher skeptisch und verhalten aus. Was mir fehlt sind vor allem der Blick für gesellschaftliche Kräfteverhältnisse und die Auseinandersetzungen um strategische Fragen. In Berlin waren in verschiedenen Stadtteilen vor den Wahlen im September Plakate von AnarchistInnen geklebt, auf denen „gegen alle Parteien, gegen alle Gewerkschaften, für die Anarchie“ geworben wurde. Einerseits finde ich diese Weigerung, über Bündnisse überhaupt nachzudenken, extrem unbefriedigend. Schließlich sieht es nicht so aus, als könnten AnarchistInnen allein gegen die wachsende soziale Ungleichheit besonders viel ausrichten. Andererseits erscheint es mir auch politisch fatal, allgemein gegen Gewerkschaften aufzutreten, und sich damit ein zentrales Anliegen der Neoliberalen auf die Fahnen zu schreiben. Anarchismus ist für mich aber unbedingt ein linkes Projekt. Und zum Glück gibt es ja immer wieder auch Gegenbeispiele – mit der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft FAU war das Plakat sicherlich nicht abgesprochen.

Schließlich heißt es am Ende des Posters noch recht typisch: „Wir wählen Selbstbestimmung, den Aufstand und die Revolte gegen unsere Knechtschaft“. Das klingt wieder so angenehm entschlossen und kompromisslos, gerade die Kämpfe der letzten Jahre haben aber vielleicht doch gezeigt, dass genau das nicht ausreicht, um die Effekte der eigenen Ansprüche etwas dauerhafter einzurichten. Und „Knechtschaft“, na ja, ob das die Befindlichkeit oder die objektive Lage von vielen MitteleuropäerInnen trifft, sei auch mal dahingestellt.

Auch in deinem Büchlein nimmt ja die Frage der Bündnispolitik, bzw. der Notwendigkeit von politischen Bündnissen eine zentrale Stelle ein. Was für Bündnisse hast du da vor Augen und gibt es, kann es so etwas wie eine spezifisch anarchistische Bündnispolitik geben, bei der gewährleistet ist, dass man nicht selbst nur zum „nützlichen Idioten“ anderer Strömungen wird?

Oskar Lubin: Mir ist einfach diese Vorstellung, man könne unter verherrschafteten Bedingungen eine anarchistische Reinheit praktizieren, nicht nur unsympathisch, sondern sie erscheint mir auch politisch fatal. Daher entstand für mich die Frage nach Zusammenarbeit mit anderen.

Ich denke, es lassen sich grob zwei Arten von Bündnispolitik unterscheiden. In Münster ist es beispielsweise gelungen, eine Straße nach dem Anarchisten Paul Wulf umzubenennen und eine Skulptur der Künstlerin Silke Wagner, die sich mit seinen Aktivitäten und aktueller anarchistischer Politik beschäftigt, im Anschluss an die große Kunstausstellung „Skulptur Projekte 2007“ in der Stadt zu behalten. Das war nur im konkreten Bündnis möglich, die der Freundeskreis Paul Wulf und die Zeitschrift graswurzelrevolution auch mit Parteien, Museumsleuten etc. eingegangen sind.

Neben dieser konkreten Form der Zusammenarbeit gibt es sicherlich die allgemeine, sei es in der Anti-Atompolitik, gegen die Hartz IV-Gesetzgebung oder in der queer-feministischen Ladyfest-Organisierung. Da geht es darum, einerseits antiautoritäre Impulse zu setzen und andererseits vor allem auch darum, dem Gegner zu schaden. Mit einer Nischenpolitik á la „gegen alle Gewerkschaften“ ist das meines Erachtens nicht zu machen.

Aber mir scheinen die Beispiele auch sehr breit gestreut, in denen AnarchistInnen am Ende den Kürzeren gezogen haben, da muss man gar nicht auf den Spanischen Bürgerkrieg zurückgreifen. Eine Garantie für das Gelingen politischer Aktionen gibt es nun mal grundsätzlich nicht.

Vielleicht sind die Chancen für emanzipatorische Bündnispolitiken ja auch ein wenig besser als in der Vergangenheit – du erwähntest den Spanischen Bürgerkrieg – weil es einen autoritären Sozialismus in dieser Form, bzw. mit diesem Rückhalt heute nicht mehr gibt und sich hier, gerade auch auf der marxistischen Seite einiges getan hat. Wäre das eine Gegenwartsdiagnose, der du zustimmen würdest und die auch dem Ansatz deines „pragmatischen Anarchismus“ zugrunde liegt?

Oskar Lubin: Ja, das sehe ich auch so. Einerseits werden politische Zugehörigkeiten unwichtiger und das erleichtert auch die Zusammenarbeit an bestimmten Punkten. Dass politische Identitäten an Bedeutung verlieren, geht nicht unbedingt mit einer Entpolitisierung einher: Man kann ja auch politisch-emanzipatorisch agieren, ohne sich einer Gruppe, Strömung oder Partei zugehörig zu fühlen oder ihr zugeschrieben zu werden. Aber andererseits gibt es durchaus auch Prozesse der Entpolitisierung, vor deren Hintergrund mir eine anarchistische Anti-Politik falsch erscheint. Denn auch diese Depolitisierungsprozesse sind Teil der neoliberalen Umgestaltung der Gesellschaften. Sie haben nicht Befreiung zum Ziel, sondern die ökonomische Durchdringung aller sozialen Beziehungen. Kosten-Nutzen-Rechnung statt Solidarität, das kann meines Erachtens keine anarchistische Position sein.

Von all dem abgesehen hat es ja auch im Spanischen Bürgerkrieg sehr gute Allianzen zwischen undogmatischen MarxistInnen und AnarchistInnen gegeben, zwischen POUM und CNT etwa.

Philippe Kellermann: Dann danke ich dir für das Gespräch.

Oskar Lubin: Triple A – Anarchismus, Aktivismus, Allianzen. Kleine Streitschrift für ein Uprgrading. Verlag Edition Assemblage, 2013. 96 Seiten. 9,80 Euro.

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One Comment on “Interview: Allianzen statt Anti-Politik. Anarchismus – unbedingt ein linkes Projekt”

  1. […] Kulturwissenschaftler ist er seit den späten 1980er Jahren wieder aktiv. Interview mit dem Autor: Allianzen statt Anti-Politik. Anarchismus – unbedingt ein linkes Projekt Philippe Kellermann interviewt Oskar Lubin, u.a. zu dessen Buch “Triple A – Anarchismus, […]


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