Schneewittchen und die Arbeit (Rezension)

Schneewittchen_CoverWas hat eigentlich Schneewittchen mit feministischer Ökonomie zu tun? Diese Frage beantwortet das Werkstattbuch „Schneewittchen rechnet ab“ der Gender AG von attac. Der Sammelband entstand infolge einer Tagung zu (queer)feministischer Ökonomie im Herbst 2012. Neben Aufsätzen sind Dokumentationen künstlerischer Performances, Diskussionen und Workshops enthalten.

Schneewittchen ist eine sehr „unfeministische“ Märchenfigur: Sie wird auf ihr Äußeres reduziert und soll deshalb getötet werden. Zudem arbeitet sie unentgeltlich als Dienstmädchen bei den sieben Zwergen und wird vom obligatorischen Prinzen gerettet. Die Brücke zur feministischen Ökonomie findet sich vor allem am Punkt der unbezahlten Hausarbeit. Doch auch dominante Vorstellungen von weiblicher Schönheit, die zentral mit dem Kriterium des „Weißseins“ operieren, spiegeln sich in Schneewittchens Geschichte.

Der Band bildet die Vielfalt feministischen Lebens und Arbeitens ab und macht deutlich, dass es einen gemeinsamen Kern der Kritik gibt: Die Marginalisierung weiblicher Arbeit, die Ungleichverteilung verschiedener Arten von Arbeit und die damit verbundene Restriktivität des Arbeitsbegriffs. Die Marginalisierung weiblicher Arbeit tritt in vielfältigen Formen auf: In typischen „Frauenbranchen“ ist das Gehalt in der Regel niedriger, die Arbeitsbelastung stärker und das gesellschaftliche Ansehen schwächer. Hinzu kommt, dass Reproduktionsarbeit nicht als „richtige“ Arbeit anerkannt ist.

Sobald Hausarbeit, Kindererziehung, Pflege von Angehörigen usw. als Arbeit betrachtet wird, tritt ihre Ungleichverteilung deutlich zutage. Frauen leisten nach wie vor den Großteil unbezahlter Reproduktionsarbeit. Bezahlte Reproduktionsarbeit wird in der Regel zu einem geringen Entgelt von Frauen geleistet. Dabei handelt es sich mehrheitlich um Migrantinnen und schlecht ausgebildete Frauen. Die Ungleichverteilung vollzieht sich also auch entlang der Kategorien Klasse und Ethnizität.

Diese Kritikpunkte führen letztlich zu der Frage nach dem herrschenden Arbeitsbegriff. Um ihn zu wandeln, braucht es eine grundsätzliche Kritik an der kapitalistisch-patriarchalen Wachstumslogik. Reproduktionsarbeit muss als die eigentlich produktive Form von Arbeit anerkannt werden, da sie die unverzichtbare Grundlage für jedes Wirtschaftssystems schafft. Zudem muss die Norm der Vollzeitarbeit infrage gestellt werden. Das Phänomen der Arbeitslosigkeit weist schließlich darauf hin, dass die Entwicklung der Produktivkräfte die Verkürzung der Arbeitszeit ermöglicht.

Feministische Ökonomie trägt also immer auch ein utopisches Moment in sich. Sie stellt die Frage, wie Leben, Arbeiten und Wirtschaften jenseits von neoliberalem Wachstumsdenken organisiert werden und wie dadurch für alle Menschen ein besseres, erfüllteres Leben entstehen kann. Allein das macht eine Beschäftigung mit dieser Materie und die Lektüre dieses Buches mehr als lohnenswert.

Rahel Wusterack

Christine Rudolf, Dorren Heide et al. (Hg.): Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren, VSA Verlag, Hamburg 2013, 208 Seiten, 16.80 EUR, ISBN 978-3-89965-576-6

Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe 352 von CONTRASTE, der Monatszeitung für Selbstorganisation.

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