Der globale Aufstand (Text von D. Azzellini)

Die Jahre 2011 und 2012 waren weltweit von Aufständen, Bewegungen und Protesten gegen die multiple Krise oder Vielfachkrise (1) geprägt. Weltweit wehren sich Millionen Menschen gegen die beschleunigte Umverteilung zugunsten des Kapitals und entwickeln gemeinsam neue Organisationsformen und kollektive direktdemokratische Praxen in Räumen und Territorien, die sie sich temporär aneignen. Hunderte Millionen Menschen kämpfen gegen die rasante Verschlechterung ihrer Lebensumstände oder den Entzug ihrer Lebensgrundlagen an. Für 2013 ist kein Ende, sondern im Gegenteil eine Intensivierung dieser Bewegungen abzusehen. Die Krise ist strukturell bedingt und wird sich weiter verschärfen.

„Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse“,

so Walter Benjamin (1991: 1232). In Kairo auf dem Tahrir-Platz riefen die Menschen „Kefaya!“ („Es reicht!“). Und auf dem Syntagma Square in Athen, Griechenland, waren Banner mit der spanischen Aufschrift „¡Ya Basta!“ („Es reicht!“) zu sehen, ein Spruch, der dem Aufstand der Zapatistas seit 1994 in Chiapas, Mexiko, entlehnt ist. In Spanien ist eine der zentralen Losungen der Massenmobilisierung „¡Democracia Real Ya!“ („Wirkliche Demokratie jetzt!“). In Russland riefen die Protestierenden „Sie repräsentieren uns nicht!“, was auf Russisch auch „Ihr könnt euch uns nicht vorstellen“ bedeutet. Ähnliche Losungen waren und sind in Italien, Portugal, in den USA, in Chile, in arabischen Ländern, in den (von den Medien völlig ausgeblendeten) Protesten in zahlreichen afrikanischen (nicht-arabischen) Staaten und weiten Teilen der Welt zu finden.

Viele der Inhalte, Formen und Praxen der „neuen“ Bewegungen – wie etwa Ablehnung der Repräsentation, direkte Demokratie, Versammlungen, Besetzungen – konnten in den vergangenen 20 Jahren massiv in Lateinamerika beobachtet werden (vgl. Azzellini/ Sitrin 2012). Das bedeutet wiederum keineswegs, dass diese anderswo kopiert worden wären. Allerdings haben sie auf bereits politisierte und aktive Menschen in der restlichen Welt Einfluss ausgeübt. Ganz wesentlich sind neue politische Bewegungen aber auch ohne Vorwissen aus den spezifischen Situationen heraus entstanden. Offensichtlich sind sie Ausdruck von Bedürfnissen, die
überall auftreten. Sehen wir einmal von den undemokratischen oder gar kriegerischen Wendungen in diversen arabischen Staaten ab, die auf autoritäre Regime, Interventionen des Westens und islamistischer Gruppen zurückzuführen sind (die sich seit Jahrzehnten in einer Art Hassliebe-Beziehung zueinander verhalten und wechselnde Koalitionen eingehen), lassen sich eine Reihe gemeinsamer Merkmale der Proteste und Aufstände ausmachen. Zusammen zeichnen sie die neue Qualität der Bewegungen aus.

weiterlesen im PDF Download.

(1)  Es handelt sich hierbei um eine ökonomische, politische, ökologische Krise, Finanz-, Steuer-, Reproduktions- und Repräsentationskrise.

Quelle: “Der globale Aufstand”, S. 30-46, in: Soziale Kämpfe in Ex-Jugoslawien, S. 30-46. Michael G. Kraft (Editor). Reihe Kritik & Utopie,  Mandelbaum Verlag, ISBN 978-3-85476-621-6

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