Étienne Balibar: Europa, aber richtig. Plädoyer für ein einzigartiges Projekt

Europa ist tot, es lebe Europa? Die Paradoxien und Unklarheiten der europäischen Integration beherrschen nicht erst seit Beginn des Europa-Wahljahrs 2014 die Nachrichten. Auf der einen Seite warnen die Kassandras vor Lähmung und Zerfall, nachdem alle Anläufe gescheitert sind, den Grundwiderspruch der Europäischen Union und die in sie eingebauten Interessengegensätze zwischen ihren Mitgliedern zu lösen. Die Hilfsmaßnahmen haben die Rezession in den Krisenländern verstetigt, die Ungleichheiten zwischen den Nationen, Generationen und sozialen Klassen verschärft, politische Blockaden ausgelöst und das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber den europäischen Institutionen geweckt.
Auf der anderen Seite nutzen die Schönredner jedes „nicht negative“ Anzeichen, um zu behaupten, das Projekt Europa sei noch aus all seinen Krisen gestärkt hervorgegangen, und am Ende hätten sich doch die gemeinsamen Interessen durchgesetzt. Die Schwäche solcher Behauptungen liegt darin, dass die angeführten Beispiele, wie etwa die Bankenunion zeigt, sich bei näherer Betrachtung als halbe Lösungen entpuppen.
Trotzdem verbietet es sich, das ins Lächerliche zu ziehen. Denn die europäischen Volkswirtschaften sind extrem abhängig voneinander, und ihre Gesellschaften unterliegen in erheblichem Maße den Gemeinschaftsmechanismen – unter diesen Umständen wäre ein Zerfall der Union eine Katastrophe. Wobei auch dieses Argument auf der Annahme beruht, dass in Geschichte und Politik Kontinuität herrsche und folglich jede Krise nur ein konjunkturelles Phänomen sei.
Alles in allem heben diese Einschätzungen sich gegenseitig auf und bieten letztlich nur Anlass zu rhetorischem Geplänkel. Da ihnen die historische Tiefe fehlt, können sie nicht erkennen, dass die gegenwärtige Krise in dem seit gut fünfzig Jahren währenden europäischen Einigungsprozess einen Wendepunkt darstellt. Auch fehlt eine genauere Analyse der Widersprüche, die diese Krise im institutionellen Gefüge der EU offenbart – insbesondere hinsichtlich der Verflechtung von politischer Strategie und ökonomischer Logik. Und schließlich fehlt auch die Strenge in der Beurteilung der bereits vollzogenen Veränderungen, die nicht nur die Machtverteilung, sondern auch die Akteure und das Abstecken des Terrains für alternative Modelle betreffen. Auf die Gefahr hin, diesen Anforderungen selbst nicht zu genügen, werde ich versuchen, die drei meiner Ansicht nach zentralen Dimensionen der Krise und mögliche Lösungen zu skizzieren.
Die erste Dimension betrifft die Geschichte, ohne die wir nicht verstehen werden, welchen realen – nicht auf ein „Projekt“ oder einen „Plan“ zurückzuführenden – Tendenzen die Transformation Europas in ein postnationales System folgt und warum das Resultat und die Art dieser Transformation bislang ungewiss sind. Die Geschichte der europäischen Einigung ist eng mit dem sich wandelnden „Weltsystem“(1) verknüpft. Die verschiedenen Phasen dieser Geschichte lassen sich an den Erweiterungsrunden der Europäischen Union und an der wachsenden Komplexität jener Institutionen ablesen, die ihre Integration garantieren und ein labiles Gleichgewicht zwischen nationaler Souveränität und europäischem Regieren herstellen.
Drei große Etappen lassen sich unterscheiden: die erste währte von der Montanunion (Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl) bis zur ersten Ölkrise und dem Ende des Bretton-Woods-Systems, das dem Westen für knapp drei Jahrzehnte stabile Wechselkurse und ein kräftiges Wirtschaftswachstum beschert hatte; die zweite von Anfang der 1970er Jahre bis zum Mauerfall und dem Ende der Sowjetunion; die dritte schließlich von der EU-Osterweiterung bis zur gegenwärtigen Finanzkrise, die vom Platzen der US-Immobilienblase 2007 und – in Europa – der 2010 eingetretenen Zahlungsunfähigkeit Griechenlands ausgelöst wurde.
Das ganze Plädoyer von Étienne Balibar ist exakt hier auf der website von „Le Monde Diplomatique“ nachzulesen und in deren Printausgabe vom 11. April veröffentlicht.

Der 1942 geborene Balibar ist ein undogmatisch-marxistischer Philosoph. Er lebt in Frankreich.

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