Die Verlegerin Karin Kramer ist gestorben

Unter der Überschrift „Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben“ schreibt unser Mitglied Karsten Krampitz in Analyse und Kritik (Nr. 593, 15. April 2014) einen feinen, kleinen Text zum Tod der Verlegerin Karin Kramer:
Buchmesse im Frühjahr 2000: Die Veranstalter hatten die Lesezeiten verlost, im Programm stand für diesen Tag und diesen Raum: »10 Uhr bis 10.30 Uhr Karsten Krampitz, Affentöter«. Das Problem: Die Hallen öffneten erst um zehn. Und: Ich hatte gar kein Buch, der Roman über den Papierkrieg der Berliner Obdachlosenblätter war noch nicht gebunden; ich wollte aus den Fahnen lesen. Ja, nicht einmal meine Verlegerin war zugegen. In Leipzig hatte der Karin-Kramer-Verlag nie einen eigenen Stand, immer nur in Frankfurt am Main. Eine viertel Stunde, nicht länger, harrte ich der Leute, saß im Publikumsbereich und schaute auf die offene Tür.
»Ist der Autor schon da?«, fragte jemand im Türrahmen. »Nee«, sagte ich.
In der Woche darauf habe ich meiner Verlegerin Karin Kramer berichtet, was für eine wunderbare Lesung ich doch hatte, mit zwanzig Leuten, mindestens! Und dass sogar eine Frau vom Radio da gewesen wäre und dass die Leute noch diskutieren wollten, aber wir hatten ja keine Zeit. »So, so«, sagte Karin, hob die Augenbrauen und wiederholte mit sonorer Stimme: »So, so.« – Sie wusste es besser. Die KollegInnen von der Auslieferung hatten ihr längst alles erzählt. Die Sozialistische Verlagsauslieferung, die Sova, hat in Leipzig immer einen Sammelstand, wo u.a. auch ihr Frühjahrsprogramm vorgestellt wurde.
Nach so vielen Jahren weiß ich natürlich nicht mehr, worüber Karin und ich noch geredet haben, an dem Tag in ihrem Büro in Berlin Neukölln. Aber ich weiß noch, dass der Raum der vielen Regale wegen so wunderbar nach Büchern roch. Und ganz ehrlich: Ich bin nie wieder so glücklich gewesen.
Am 20. März 2014 ist Karin Kramer gestorben. Im Berliner St.-Hedwigs-Krankenhaus erlag sie im Alter von 74 Jahren einer schweren Krebserkrankung. Sie war ein ganz wunderbarer Mensch, sehr warmherzig, eine kluge Frau. Und was immer ich hier über sie schreibe, es wird ihrem Leben nicht gerecht. »Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben«, heißt es in einem Gedicht von Mascha Kaléko. Weihnachten haben wir noch telefoniert, über neue Projekte geredet.

Der kleine Verlag, den sie mit Bernd Kramer, ihrem Ehemann, betrieb, stand in den 1970er und 1980er Jahren wie kein anderer für das libertäre Erbe der 1968er-Bewegung, für die Utopie jenseits von Staatssozialismus oder Sozialdemokratie. Ein Gründungsdatum ist nicht belegt. Angefangen hat alles mit »Linkeck«, einem recht bizarren Periodikum, benannt nach der gleichnamigen WG, das zwischen 1968 und 1970 in einer Stückzahl von mehreren Tausend Exemplaren erschien und immer wieder von der Polizei beschlagnahmt wurde. Für Bernd Drücke von der »Graswurzelrevolution« war »Linkeck« hierzulande die erste antiautoritäre Zeitschrift überhaupt. Ein neoanarchistisches Blatt mit blasphemischen Comics, jeder Menge Pornos und Pamphleten gegen die »Einheitsfrontscheiße« des SDS. Und wie bis heute kolportiert wird, soll sich im selben Zeitraum und in derselben Wohngemeinschaft in der Bülowstraße irgendwer ein Zubrot verdient haben mit dem Verkauf von Raubdrucken. Erst 1970 wurde das Gewerbe offiziell angemeldet.
Im Verlagsprogramm fanden sich anarchistische Klassiker von Bakunin, Kropotkin, Landauer und Mühsam. Emma Goldman wurde gedruckt, ebenso Beiträge zur Auseinandersetzung mit Max Stirner. Auf die kritiklose Hingabe weiter Teile der Linken zu irgendwelchen Paradiesstaaten antwortete die Verlegerin mit Monografien zur russischen Revolution, zur autoritären Diktatur des Fidel Castro und selbstredend über die AnarchistInnen im Spanischen Bürgerkrieg. Mit »Ein amerikanisches Gebet« von Jim Morrison gelang sogar ein veritabler Bestseller; über 20.000 verkaufte Exemplare!

Jahr für Jahr wurden mindestens acht Bücher publiziert. Bei rund 340 Titeln hat Karin Kramer bis heute also einige hunderttausend libertäre Schmöker unter die Leute gebracht hat. Das wird ihr so schnell keiner nachmachen. Schade eigentlich. Niemand weiß, wie in hundert Jahren die Welt aussieht, in den Bibliotheken aber werden ihre Bücher stehen über ein Leben ohne Herrschaft und die Freiheit der Menschen nicht voneinander, sondern miteinander.

Der vielleicht beste belletristische Titel des Verlags ging leider völlig unter: Lionel Mareks »Nächstes Jahr in Auschwitz«, eine Romansatire zur jüdischen Diaspora. Während sich in Frankreich das Feuilleton mit Hymnen überschlug, die Tageszeitung Libération von »burleskem Ton« schrieb und »kolossaler Finesse«, gab es hierzulande nicht eine Rezension – die 1990er.

Keine Ahnung, was in dieser Zeit passiert ist, aber irgendetwas muss passiert sein: Die Buchhandelsketten verdrängten immer mehr die kleinen Läden, und irgendwann hörte die Linke einfach auf, Romane und Gedichte zu lesen. Dass ein kleiner anarchistischer Verlag aus Berlin Neukölln die letzten zwanzig Jahre überstanden hat, war ein kleines Wunder, an das AnarchistInnen aber nicht glauben – das zweite Wunder, dass die Verlegerin ihre Krankheit besiegt, blieb aus.

Karsten Krampitz war mehrere Jahre Redakteur der Straßenzeitung. Er ist Schriftsteller und erhielt 2009 den Publikumspreis im Rahmen der Ingeborg-Bachmann-Tage.

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