Alles gehört auf den Prüfstand…namentlich die eigene Geschichte

history-is-unwritten_webRenate Hürtgen rezensiert AutorInnenkollektiv Loukanikos (Hrsg.): History is unwritten. Linke Geschichtspolitik und kritische Wissenschaft. Ein Lesebuch, edition assemblage, 2015
Es war der Zweifel an bisheriger Theorie und Praxis linker Geschichte, der 2013 den Anstoß zu einer Debatte in der Zeitung analyse & kritik (siehe ihre Sonderbeilage: http://www.akweb.de/themen/sonderbeilage_unwritten.htm) gab. Sie kreiste um die Frage, wie in einer kritischen Auseinandersetzung mit herrschenden und linken Mythen vermieden werden kann, eine Gegenerzählung zu schaffen, die wieder neue Mythen produziert.
Hinter dieser etwas metatheoretisch anmutenden Fragestellung stand das große Unbehagen an aktueller linker wissenschaftlicher und politischer Geschichtspraxis und das Ziel, es anders und besser zu machen. Initiator und Organisator dieser bis heute andauernden Debatte ist Loukanikos, eine kleine Gruppe junger Historiker, Politik- und Kulturwissenschaftler, die sich außerhalb vom institutionellen Wissenschaftsbetrieb – der bekanntlich in seiner neoliberalen Ausrichtung kaum unabhängiges Arbeiten zulässt – zusammengefunden hat, um einer «wissenschaftlichen Vereinzelung und Konkurrenzlogik eine kollektive und solidarische Arbeitsweise» (S.395) entgegenzusetzen.
Seitdem ist ein ganzes autonomes «Netzwerk im Feld kritischer Geschichtswissenschaft» (S.120–133) entstanden, von dem wichtige Impulse für den Neuansatz einer emanzipatorischen Geschichtsaufarbeitung ausgehen. Im selben Jahr noch organisierte Loukanikos die Tagung «History is unwritten. Linke Geschichtspolitik und kritische Wissenschaft: Gestern, Heute und Morgen», die von 200 Leuten besucht wurde. 2015 erschien der durch zahlreiche Beiträge und überleitende Texte der Herausgeber erweiterte, hier zu besprechende Tagungsband.
Das prophezeite «Ende der Geschichte» nach dem Zusammenbruch des «Realsozialismus» ist nicht eingetreten, die Zeit des Abgesangs auf eine alternative Perspektive scheint vorbei. Denn darin sind sich Herausgeber und Autoren einig: Die kritischen Fragen – auch und vor allem an die eigene linke Geschichte – werden gestellt, um Antworten zu finden, wie eine Alternative zu den bestehenden Verhältnissen aussehen muss.
«Fragend schreiten wir voran – fragend blicken wir zurück», ist das Motto des Bündnisses Rosa&Karl, das sich zeitgleich in Berlin aus verschiedenen linken Jugendverbänden und Einzelpersonen mit dem Ziel gegründet hat, in «die bisherige Praxis des Gedenkens an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu intervenieren» (S.396 sowie 348–357). Damit nicht genug der weitgesteckten Ziele! Die Herausgeber wollten mit der Tagung und dem vorliegenden Tagungsband Akademiker und Praktiker zusammenbringen, damit sich linke Geschichtspolitik und kritische Wissenschaft produktiv verbinden können.
Schon auf der Tagung zeigte sich, dass dieses Miteinander von wissenschaftlich-akademisch Arbeitenden und den Praktikern einer linken Gedenk- und Erinnerungskultur so einfach nicht herzustellen ist.
Die komplette Rezension hier online lesen.

Renate Hürtgen kommt aus der linken DDR-Opposition, ist Mitbegründerin des AK Geschichte sozialer Bewegungen Ost West und Zeithistorikerin. Ihr Text erschien zuerst in SoZ – Sozialistische Zeitung, September 2015.

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Rasch isoliert. Die linke Bürgerbewegung war 1989 nicht imstande, eine überzeugende Alternative gegenüber den »Wendehälsen« zu bieten

Die »Initiative für eine Vereinigte Linke« (VL) strebte im Herbst 1989 eine revolutionierte eigenständige DDR an, in der ein »Sozialismus der Freiheit und Demokratie« gegen den von der SED zu verantwortenden Scheinsozialismus, genannt »real existierender Sozialismus«, zu erkämpfen war. Die Initiatoren traten als eine explizit auf den demokratischen Sozialismus orientierende Programmgruppe auf, welche mit dem als »Böhlener Plattform« bekannt gewordenen Aufruf ihre Kampfansage an den in der DDR herrschenden Politbürokratismus formulierte.

Ihre Protagonisten kamen aus der zweiten und dritten Generation linker antistalinistischer Opposition in der DDR, die vor allem von den Erfahrungen des »Prager Frühlings« 1968 sowie den Verhältnissen parteidiktatorischer Herrschaft unter Honecker geprägt waren. In dieser nominalsozialistischen Despotie wurden die Verfechter der politischen Alternative eines Sozialismus der Freiheit und Demokratie folgerichtig als Staatsfeinde betrachtet und auch so behandelt.

Der ganze Artikel von Thomas Klein ist im ND vom 4. Novemeber erschienen und hier zu lesen. Thomas Klein, geboren 1948, arbeitete im DDR-Wissenschaftsbereich und schloss sich linken oppositionellen Zirkeln an. 1989 war er Mitgründer der Vereinigten Linken (VL).


Dritte Generation Ost. Wer wir sind, was wir wollen; Berlin 2012 (Rezension)

umschlag_19859Die „3te Generation Ost“ ist eine 2011 in Berlin gegründete Initiative junger Ostdeutscher. Sie verfolgt das Ziel, das Reden und Schreiben über Ostdeutschland und DDR-Vergangenheit in neue Bahnen zu lenken und es dabei explizit um die Perspektive derjenigen zu bereichern, die lediglich ihre Kindheit in der DDR verbrachten. Diese „Generation“ der zwischen 1975 und 1985 in der DDR Geborenen zeigt nun verstärkt ein Bedürfnis, eigene Erfahrungen und Sichtweisen auf den Transformationsprozess zu artikulieren und für den gesamtdeutschen Diskurs fruchtbar zu machen. Der Impuls zur Gründung der „3ten Generation“ entsprang, wie die Initiatoren und Herausgeber des Buches im Vorwort betonen, einer latenten Unzufriedenheit über den öffentlichen Umgang mit der DDR-Vergangenheit und dem medial vermittelten Bild Ostdeutschlands. Insbesondere Letzteres erschien vom eigenen Erleben und den ostdeutschen Realitäten zu weit entfernt, um echtes Verständnis und eine gesellschaftliche Weiterentwicklung zu ermöglichen. Um hier Abhilfe zu schaffen, sollen, so die Hoffnung von „3te Generation Ost“, zukünftig ostdeutsche Binnenperspektiven aktiver zur Sprache gebracht werden. So könne unter neuen Vorzeichen ein ost-west-deutscher Dialog angekurbelt werden, der sich derzeit auf eingefahrenen Gleisen bewege. Den Rest des Beitrags lesen »