Klassen- und Identitätspolitik [Rezension]

In den letzten zwei Jahren kommt es vermehrt zu einer ernsthaften Debatte über Ziele und Mittel linker Politik. Viele fragen sich: Was bedeutet „wir“ und „unten“ heute eigentlich noch? Wer sind die Handelnden in den sozialen Kämpfen? Versuchen am „Linkspopulismus“ ausgerichtete Politiken wieder die sog. „soziale Frage“ und den Nationalstaat als Bezugsrahmen stark zu machen, plädieren Mezzadara und Neumann in ihrem Essay für eine (neue) Klassenpolitik, argumentieren aber gegen den klassischen Linkspopulismus. Dies begründen sie einsichtig mit dem Bruch von „1968“, hinter den eine Linke heute definitiv nicht mehr zurück könne.

Der historische Bruch bestünde auf der Ebene der AkteurInnen darin, dass erstmals migrantische ArbeiterInnen, Frauen und Jugendliche in sozialen Kämpfen eine deutliche sichtbare und wichtige Rolle spielten und so eine Ausweitung der Kritik eingefordert hätten: Weg vom Marxismus und von der Fabrik als Zentrum linken Denkens, hin zu einer Kritik des ganzen Lebens. Insofern sei es kein Zufall, dass diese drei Akteursgruppen, die erst recht global gesehen, heute die Mehrheit der Arbeitenden stellen, in der autoritären Variante des Linkspopulismus heute absichtsvoll „vergessen“ werden. Mezzadara und Neumann bieten eine sehr gute Übersicht über die Diskussion, beziehen Position und werfen Fragen auf, denen die (radikale) Linke sich stellen muss.

[Einleitung des Buches als PDF]

Bernd Hüttner

Sandro Mezzadra/Mario Neumann: Jenseits von Interesse und Identität. Klasse, Linkspopulismus und das Erbe von 1968; LAIKA Verlag, Hamburg 2017, 68 S., 9,80 EUR

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Kommunismus für die Hosentasche

Wie sieht ein Kommunismus aus, der von Postmoderne und Biomacht weiß? Martin Birkner hat eine lesenswerte und streitbare Antwort vorgelegt. Er propagiert einen neuen Kommunismus, einen der den des Industriesystems aufhebt.

Der in Wien lebende und unter anderem als Mitherausgeber der Zeitschrift grundrisse bekannte Martin Birkner hat mit seinem Buch ein kompaktes und streitbares Kompendium zum Postoperaismus vorgelegt.

Der Operaismus (operaio/operaia dt.: Arbeiter/Arbeiterin) entstand in den 1960er Jahren im intellektuellen Handgemenge der Kämpfe von Arbeiter*innen in Italien (1). Er geht davon aus, dass gesellschaftliche Entwicklung nicht durch objektive Bewegungsgesetze des Kapitals bestimmt wird, sondern vor allem in dessen Reaktion auf die autonomen Kämpfe von Arbeiter*innen. Die soziale Figur des „Massenarbeiters“ erhielt in diesem Konzept Veränderungsmacht. Diese Zentralität des „Fließbandarbeiters“ und das dazugehörige Bild des etwas simplen Ping-Pong von Arbeiter*innenkampf und Reaktion wurde in den 1970er und 198er Jahren erweitert und von der Vorstellung der „Gesellschaft als Fabrik“ abgelöst. In dieser Weiterung, dem vor allem mit Antonio Negri verbundenen Postoperaismus, wird der untrennbar mit Emotionen und Kreativität verbundenen sog. „immateriellen Arbeit“ eine tragende Rolle für den modernen Kapitalismus zugeschrieben. Die Intellektualität der Massen und ihre Fähigkeit zur Kooperation bergen aus dieser Perspektive gleichzeitig bereits die Potentiale für einen neuen Kommunismus in sich. Gleichzeitig werden im Postoperaismus auch Migration, die Inwertsetzung und Disziplinierung der Körper und Seelen oder die globalen Machtverhältnisse (das sog. „Empire“) reflektiert.

Martin Birkner stellt sein Buch in den Zusammenhang des Epochenbruchs der 1960er Jahre, den er als bedeutender einschätzt als die allerorten im Munde geführte „Zeitenwende“ von 1989, mit der das so bezeichnete „kurze 20. Jahrhundert“ entlang der scheinbaren Auflösung des Antagonismus Kapitalismus/Kommunismus seinen Endpunkt gefunden habe. In jenen Jahren vor nunmehr einem halben Jahrhundert sei ein fundamentaler Wandel in der Grammatik politischer Forderungen und Praktiken eingetreten. Den Rest des Beitrags lesen »