Die Krise der sozialen Reproduktion. Kritik, Perspektiven und Utopien, Münster 2014

Eine Rezension von Bernd Hüttner

In der Schweiz, so hat es die feministische Ökonomin Mascha Madörin errechnet, macht die Bruttowertschöpfung durch unbezahlte Arbeit über 60 Prozent des Bruttoinlandproduktes aus. Was bedeutet dies für linke Theorie und Praxis, die sich in der kulturellen Linken vorrangig auf Anerkennung und in der sozialen Linken auf Umverteilung orientiert? Das trouble every day collective will mit seinem Büchlein die Reproduktionssphäre neu bewerten und vor allem politisieren. Die aus dem AK Feminismus der Naturfreundejugend Berlin hervorgegangene Gruppe versteht sich als materialistisch, queer-feministisch und herrschaftskritisch. Nach einer Einführung, die die aktuelle (Mehrfach-)Krise so versteht, dass jene nicht die Ursache für allerlei ist, sondern die Verhältnisse vor allem verschärft hat, wird die Herausbildung der vergeschlechtlichten Arbeitsteilung samt ihrer Zuweisung von »öffentlicher« und »privater Sphäre« referiert. Nach einem Kapitel über marxistische Krisentheorien soll es dann im letzten Viertel um konkrete Alternativen und Utopien gehen. Hier werden die Commons, das bedingungslose Grundeinkommen, Pflegestreiks und Frigga Haugs Vier-in-einem Perspektive vorgestellt. Diese Alternativen bleiben schlussendlich aber auch sehr abstrakt. Was sie mit einem dissidenten Leben zu tun haben (könnten), bleibt offen. Die einzelnen Abschnitte des Buches sind gut und richtig, Ziel und Zielgruppe bleiben aber doch etwas diffus.

trouble every day collective: Die Krise der sozialen Reproduktion. Kritik, Perspektiven und Utopien. Unrast Verlag, Münster 2014. 78 Seiten, 7,80 EUR.

Dieser Text erschien zuerst in analyse und kritik Nr. 593 vom 15.4.2014. Wir danken für die Genehmigung zur Veröffentlichung.


Die Verlegerin Karin Kramer ist gestorben

Unter der Überschrift “Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben” schreibt unser Mitglied Karsten Krampitz in Analyse und Kritik (Nr. 593, 15. April 2014) einen feinen, kleinen Text zum Tod der Verlegerin Karin Kramer:
Buchmesse im Frühjahr 2000: Die Veranstalter hatten die Lesezeiten verlost, im Programm stand für diesen Tag und diesen Raum: »10 Uhr bis 10.30 Uhr Karsten Krampitz, Affentöter«. Das Problem: Die Hallen öffneten erst um zehn. Und: Ich hatte gar kein Buch, der Roman über den Papierkrieg der Berliner Obdachlosenblätter war noch nicht gebunden; ich wollte aus den Fahnen lesen. Ja, nicht einmal meine Verlegerin war zugegen. In Leipzig hatte der Karin-Kramer-Verlag nie einen eigenen Stand, immer nur in Frankfurt am Main. Eine viertel Stunde, nicht länger, harrte ich der Leute, saß im Publikumsbereich und schaute auf die offene Tür.
»Ist der Autor schon da?«, fragte jemand im Türrahmen. »Nee«, sagte ich.
In der Woche darauf habe ich meiner Verlegerin Karin Kramer berichtet, was für eine wunderbare Lesung ich doch hatte, mit zwanzig Leuten, mindestens! Und dass sogar eine Frau vom Radio da gewesen wäre und dass die Leute noch diskutieren wollten, aber wir hatten ja keine Zeit. »So, so«, sagte Karin, hob die Augenbrauen und wiederholte mit sonorer Stimme: »So, so.« – Sie wusste es besser. Die KollegInnen von der Auslieferung hatten ihr längst alles erzählt. Die Sozialistische Verlagsauslieferung, die Sova, hat in Leipzig immer einen Sammelstand, wo u.a. auch ihr Frühjahrsprogramm vorgestellt wurde.
Nach so vielen Jahren weiß ich natürlich nicht mehr, worüber Karin und ich noch geredet haben, an dem Tag in ihrem Büro in Berlin Neukölln. Aber ich weiß noch, dass der Raum der vielen Regale wegen so wunderbar nach Büchern roch. Und ganz ehrlich: Ich bin nie wieder so glücklich gewesen.
Am 20. März 2014 ist Karin Kramer gestorben. Im Berliner St.-Hedwigs-Krankenhaus erlag sie im Alter von 74 Jahren einer schweren Krebserkrankung. Sie war ein ganz wunderbarer Mensch, sehr warmherzig, eine kluge Frau. Und was immer ich hier über sie schreibe, es wird ihrem Leben nicht gerecht. »Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben«, heißt es in einem Gedicht von Mascha Kaléko. Weihnachten haben wir noch telefoniert, über neue Projekte geredet. Den Rest des Beitrags lesen »


Étienne Balibar: Europa, aber richtig. Plädoyer für ein einzigartiges Projekt

Europa ist tot, es lebe Europa? Die Paradoxien und Unklarheiten der europäischen Integration beherrschen nicht erst seit Beginn des Europa-Wahljahrs 2014 die Nachrichten. Auf der einen Seite warnen die Kassandras vor Lähmung und Zerfall, nachdem alle Anläufe gescheitert sind, den Grundwiderspruch der Europäischen Union und die in sie eingebauten Interessengegensätze zwischen ihren Mitgliedern zu lösen. Die Hilfsmaßnahmen haben die Rezession in den Krisenländern verstetigt, die Ungleichheiten zwischen den Nationen, Generationen und sozialen Klassen verschärft, politische Blockaden ausgelöst und das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber den europäischen Institutionen geweckt.
Auf der anderen Seite nutzen die Schönredner jedes “nicht negative” Anzeichen, um zu behaupten, das Projekt Europa sei noch aus all seinen Krisen gestärkt hervorgegangen, und am Ende hätten sich doch die gemeinsamen Interessen durchgesetzt. Die Schwäche solcher Behauptungen liegt darin, dass die angeführten Beispiele, wie etwa die Bankenunion zeigt, sich bei näherer Betrachtung als halbe Lösungen entpuppen.
Trotzdem verbietet es sich, das ins Lächerliche zu ziehen. Denn die europäischen Volkswirtschaften sind extrem abhängig voneinander, und ihre Gesellschaften unterliegen in erheblichem Maße den Gemeinschaftsmechanismen – unter diesen Umständen wäre ein Zerfall der Union eine Katastrophe. Wobei auch dieses Argument auf der Annahme beruht, dass in Geschichte und Politik Kontinuität herrsche und folglich jede Krise nur ein konjunkturelles Phänomen sei.
Alles in allem heben diese Einschätzungen sich gegenseitig auf und bieten letztlich nur Anlass zu rhetorischem Geplänkel. Da ihnen die historische Tiefe fehlt, können sie nicht erkennen, dass die gegenwärtige Krise in dem seit gut fünfzig Jahren währenden europäischen Einigungsprozess einen Wendepunkt darstellt. Auch fehlt eine genauere Analyse der Widersprüche, die diese Krise im institutionellen Gefüge der EU offenbart – insbesondere hinsichtlich der Verflechtung von politischer Strategie und ökonomischer Logik. Und schließlich fehlt auch die Strenge in der Beurteilung der bereits vollzogenen Veränderungen, die nicht nur die Machtverteilung, sondern auch die Akteure und das Abstecken des Terrains für alternative Modelle betreffen. Auf die Gefahr hin, diesen Anforderungen selbst nicht zu genügen, werde ich versuchen, die drei meiner Ansicht nach zentralen Dimensionen der Krise und mögliche Lösungen zu skizzieren. Den Rest des Beitrags lesen »


Christoph Spehr (Hrsg.): Gleicher als Andere. Eine Grundlegung der freien Kooperation (2003)

2621566718_1d3b4bcd74_oEine Rezension von Marco Pompe

Herrschaftskritik, die sowohl anarchistische, als auch marxistische Elemente beinhaltet, entwickelt zunehmend Orientierungsfunktion in der Linken. Wie dieses Zusammengehen heute theoretisch wie praktisch funktionieren kann wird aber selten direkt verhandelt. Auch der 2001 von der Rosa-Luxemburg-Stiftung ausgezeichnete Text ‘Gleicher als Andere. Eine Grundlegung der freien Kooperation’ stellt sich nicht wirklich dieser Herausforderung. Dafür geht aber das Buch, in dem dieser Text von Christoph Spehr auf ca. 100 Seiten veröffentlicht und anschließend in zahlreichen Kommentaren diskutiert wird, insgesamt ein gutes Stück diesen Weges. Wie in dem Text erläutert, besteht die emanzipatorische Linke aus vielen Strömungen. Er macht deutlich, daß der Selbstfindungsprozess als eine strömungsübergreifende Bewegung nicht abgeschlossen ist. Mir scheint, die Debatte um Spehrs Text in Erinnerung zu rufen, kann diesen Prozess unterstützen und die Qualität manches politischen Projektes positiv beeinflussen.

Zunächst: Das Buch ist durchweg kurzweilig, überwiegend in verständlicher Sprache verfasst, frei als Download verfügbar und deshalb absolut geeignet als spontane Bettlektüre. Spannend und amüsant ist es für alle, die sich auf der Suche nach Räumen und Wegen, den Zielen und Bedingungen für Emanzipation befinden. Ein manifest-artiger Text von Christoph Spehr (u.a. Autor von ‘Die Öko-Falle’ (1996), ‘Die Aliens sind unter uns’ (1999)) ist darin Ausgangspunkt für eine sehr lebhafte und emphatische Diskussion eines hoch komplexen Diskursfeldes (Macht, Herrschaft, Freiheit, Gleichheit, Emanzipation, Individuum, Gesellschaft, Kapitalismus, Staat, Moderne usw.). Den Rest des Beitrags lesen »


Wenn das so weitergeht …

… dann ist die Ema.Li in etwas über 1500 Jahren die mächtigste Strömung in und bei der Partei DIE LINKE. Seit unserer letzten Bundesmitgliederversammlung im November 2013 hat sich unsere Mitgliederzahl von 231 auf 248 erhöht und NRW ist nun der zweitstärkste Landesverband der Ema.Li – die genaue Statistik findet Ihr hier . Alles wird gut!


Keine Care-Revolution ohne Resolution

Vom 14. bis 16. März 2014 trafen wir uns, ca. 500 Menschen, die in verschiedenen Feldern sozialer Reproduktion – Gesundheit, Pflege, Assistenz, Erziehung, Bildung, Wohnen, Haushalts- und Sexarbeit – politisch aktiv sind, zu einer ersten Aktionskonferenz Care Revolution. Über drei Tage hinweg tauschten wir persönliche und politische Erfahrungen – zunächst überwiegend aus dem deutschsprachigen Raum – aus und diskutierten, wie grundlegende Veränderungen hin zu einer bedürfnisorientierten Care-Ökonomie angestoßen werden können.
Von unterschiedlichen Standpunkten kamen wir zu der Überzeugung, dass dies nur durch eine starke Care-Bewegung gelingen kann. Auch deshalb gingen wir am Samstagnachmittag mit einer Aktion „Das Unsichtbare sichtbar machen: Care auf die Straße tragen“ in Berlin in die Öffentlichkeit. Zum Abschluss der Konferenz verständigten wir uns auf gemeinsame Thesen und Forderungen, auf deren Grundlage wir in einem Netzwerk Care Revolution auch in Zukunft weiterarbeiten werden.

Von der Krise der sozialen Reproduktion…

1. Alltagserfahrungen in der Krise
In der aktuellen Krise leben und arbeiten viele unter Druck: Zeitstress und Angst vor einer ungewissen Zukunft bestimmen den Alltag. Einige müssen immer mehr arbeiten, andere finden keine Jobs oder haben trotz Job nicht genug zum leben. Hinzu kommt die Sorge um sich und andere: Kinder, Alte, Kranke, Freund_innen, Angehörige. Erholung, Muße und die Möglichkeit, Gesellschaft mit zu gestalten, scheinen für immer mehr Menschen unerreichbar.Die Sparmaßnahmen, die als einzige angebliche Lösung zur Krise des Kapitalismus präsentiert werden, untergraben die Errungenschaften queerfeministischer und anderer emanzipatorischer Kämpfe.
Viele sind von Armut, Gewalt oder struktureller und individueller Diskriminierung betroffen. Für Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus steht fast alles unter Vorbehalt. Herrschende Vorstellungen davon, wie Menschen zu sein haben, greifen weit ins Leben ein. Menschen, die dem nicht entsprechen, erfahren Unsicherheit und werden von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen. Ein Gutes Leben sieht definitiv anders aus! Den Rest des Beitrags lesen »


Kongress „Antifa in der Krise“ (Berlin, 11.-13. April)

Die Interventionistische Linke und andere linke Gruppen (Unterstützer_innen) veranstalten vom 11. bis 13. April 2014 an der TU Berlin einen Kongress. Das Programm findet sich genau hier. Eine wichtige Rolle spielt der Text”Antifa in der Krise?!“, dessen Lektüre hiermit empfohlen sei. Wir dokumentieren nachfolgend den Aufruf zur Konferenz.

Europäischer Rechtsruck

Der antisemitische und extrem rechte Front National um Marine Le Pen und die niederländischen Rechtspopulist*innen um Geert Wilders rücken zusammen und schmieden ein Bündnis gegen Europa. In Großbritannien hetzt die UKIP gegen Migrant*innen und fordert den Austritt des Landes aus der Europäischen Union. In Polen formiert sich nach dem Vorbild der ungarischen Jobbik eine neofaschistische Bewegung aus Hooligans und extremen Rechten. In Griechenland firmiert die neofaschistische Partei Goldene Morgenröte bei Umfragen seit Langem als drittstärkste Partei. Und die Schweizer*innen stimmen Anfang Februar mit einer knappen Mehrheit „gegen Masseneinwanderung“. Es ist offensichtlich: Nationalismus und Rassismus nehmen seit Ausbruch der Euro-Krise überall auf dem Kontinent zu.

Umgruppierung der extremen Rechten

Auch in Deutschland wird auf dieser Klaviatur gespielt. Die NPD versucht, aus ihrer desolaten Situation durch die von ihr vielfach gesteuerten Proteste gegen Flüchtlingsunterkünfte herauszukommen. Mit der Alternative für Deutschland ist ein Parteiprojekt entstanden, in dem sich marktradikale Eurogegner*innen bis hin zu extrem rechten Kräften sammeln. Noch hat sich in Deutschland bundesweit keine Partei dauerhaft und erfolgreich rechts von CDU/CSU etablieren können. Doch immer wieder kommt es zu Vorstößen, vorhandene Ängste vor einem Durchschlagen der Krise rassistisch und nationalistisch zu kanalisieren. Ob Autobahnmaut für Pkw aus dem Ausland oder die Beschwörung einer angeblichen Überlastung der Kommunen durch den Zuzug aus Bulgarien und Rumänien – offen wird auf rassistische Vorurteile zurückgegriffen, mit dabei ist immer auch die bayrische CSU.

Antifa vor neuen Herausforderungen

Nicht nur in Deutschland bringen sich neofaschistische und rechtspopulistische Parteien in Stellungen. Überall in Europa nutzen sie die aktuelle Situation zur Neugruppierung ihrer Kräfte. Und sie sehen im Lichte der Euro-Krise und ihrer gesellschaftlichen Auswirkungen gute Chancen, das Gewicht nationalistischer und einwanderungsfeindlicher Positionen zu stärken.
Die antifaschistische Bewegung tut sich mit der Analyse dieses europäischen Rechtsruck schwer. Wie sind die Veränderungen im Lager der extremen Rechten zu bewerten? Welche Rolle spielen die sich verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Zeichen der Krise? Welche Schwerpunkte sind in der eigenen Arbeit zu setzen? Wie können geeignete Gegenstrategien aussehen? In Deutschland wurden solche Fragen schon lange nicht mehr überregional diskutiert. Auch der Austausch mit Antifaschist*innen aus anderen europäischen Ländern zu diesen Fragen ist nicht unbedingt auf der Höhe der Zeit. Den Rest des Beitrags lesen »


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